Montag, 20. Dezember 2010

Die letzten Züge

Nicht nur das Jahr, auch meine derzeitige WG Zusammensetzung neigt sich dem Ende zu. Vera haben wir heute morgen verabschiedet, aber wir sehen uns ja wieder. Einige aus unserem Studium sind auch schon nach Hause gefahren und kommen nicht noch mal zurück. Wir sind derweil mit den letzten Prüfungen beschäftigt, lesen die letzten wichtigen Informationen und diskutieren die letzten Ungereimtheiten aus, na gut, die vor-vorletzten. Morgen bin ich zum letzten mal in diesem Semester an der Uni, nein das stimmt nicht ganz, ich hab ja im Januar noch Prüfungen, aber es passt so gut in den Text. Diese Woche werde ich zum letzten mal auf Anjas Gitarre spielen und das letzten Mal mit Kasia zur Uni fahren, ...

Und im Februar gibt es dann wieder viele erste Male, dazu komme ich aber besser später zurück.

Die Prüfungen langweilen mich schrecklich und ich traue mich gar nicht mehr zu lernen, weil man sich letztendlich ärgert so viel Zeit verschwendet zu haben. Meine 5 heute habe ich mir wieder mit einem Bruchteil meines aktiven Hirns "verdient", aber man konnte letztlich schon einige allgemeinbildende Fakten mit ins nächste Leben nehmen.

Gestern war der Weihnachtsmann da. Er brachte mir ein Opernglas mit Griff, weiß-gold, der letzte Schrei! Ich werde mich absofort wohl etwas besser fürs Theater anziehen müssen, um zu meinem Binokl zu passen. Es war ein sehr schöner, letzter Adventsabend, mit vielen kleinen Überraschungen und leckerer Pasta. Auch Pelmenisuppe ist jedem nur zu empfehlen. Mangels Baum haben wir eine Kerze in Baumform gekauft und Letztere angezündet (liebe Kinder, versucht das nicht zuhause mit dem Echten). In letzter Zeit freue ich mich auf Licht, Familie und Klavier spielen, nach monatelanger Abstinenz, und bin guter Dinge, dass ich das letzte Geschenk morgen finden werde.

Kasia ist übrigens die Letzte, die nach Hause fährt, erst am 24. mit dem letztmöglichen Flieger.   :))

Samstag, 18. Dezember 2010

Weihnachtswochenende

Liebes Tagebuch,

morgen ist bei uns Weihnachten mit Spaghetti und Pelmenisuppe - Geschenke gibts auch. Unsere Decken sind wieder trocken, ich hoffe, dass sie das auch im Januar und Februar noch sind; ich hab jetzt ein tolles Foto, auf dem ich eine Tapete melke. Das Wochenende bestand bis jetzt aus Lernen und Lesen, ich war mit Vera noch mal Pelmeni und mit Kasia Blini essen, habe ein Kissen bestickt und meine Weihnachtsgeschenksammlung komplettiert. Ich bin also aufs nach Hause fahren vorbereitet, nur scheint es mir, zu Hause ist für mich nicht bereit. Berichten zu Folge halten Schneechaos und Benzinknappheit die Bevölkerung des gemütlichen Erzgebirgslandes in Angst und Schrecken und am Frankfurter Flughafen geht nix, ein Glück, dass ich in Berlin lande. Hoffentlich ist wenigstens die Deutsche Bahn so zuverlässig wie immer, dann kriege ich auch mit einer Stunde Flugverspätung noch meinen Anschlusszug in Berlin.

Es ist kalt, aber noch nicht so sehr, wie im Januar und Februar. Die minus 20 unterschreiten wir noch nicht. Trotz alle dem, jeder der im Winter hier her fährt, nehme sich eine sehr dicke Jacke und eine richtig gute Mütze mit. Die Schuhe sollten gefüttert, eissicher, salzabweisend und hoch sein und natürlich dem russischen Chick entsprechen (Wanderschuhe sind verpönt, Frauen ohne Absätze werden immer schief angeschaut). Ich freu mich nur einfach schon auf den Sommer, wenn die Sonne am Mittag mehr als einen halben Meter über dem Horizont schwebt und das Anziehen und Schuhe Putzen nicht in die morgendliche Zeitplanung mit eingerechnet werden muss.

Zum Miete zahlen mussten wir in diesem Monat an den Hauptcampus fahren, weil die Kasse unseres Vertrauens geschlossen hatte. Man kann den Tag in ferner Zukunft nur erahnen, an dem die Russen ein Bankeinzugssystem für Wohnheimmiete entwerfen werden. Nicht ein mal in der Bank kann man das überweisen, nur persönlich und in bar an speziellen Schaltern der Universität. Ich glaube im nächsten Semester sollte ich versuchen, gleich für die ganze Zeit Geld aufzutreiben und alle 5 Monate auf einmal zu bezahlen, dann bleibt einem die Rennerei zu Monatsbeginn erspart.  Nun gut, es ist nicht mehr Monatsbeginn, aber bis man Zeit hat, an die richtige Uni zu fahren und den Betrag zu begleichen, dauert es eben ein wenig. Unsere Fakultät befindet sich ja in einer anderen Ecke der Stadt. Und dann muss man auch noch die Öffnungszeiten abpassen, nicht in der Mittagspause (1h), nicht in der technischen Pause (1h), sicher nicht gleich am Morgen, denn die kommen immer eine halbe Stunde zu spät und schließen natürlich auch dementsprechend eine halbe Stunde eher. Die Kasse in unserer Nähe hat seit dem 1. Dez. bis zum heutigen Tage geschlossen. Aber man darf das nicht so eng sehen. Alles geht seinen Gang, in der Zeit, die es brauchen soll.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Fortsetzung

Wir haben über den Tag ungefähr 2,5 Liter Wasser aus unserer Deckentapete gezapft und sind guter Hoffnung, dass sie bis morgen früh trocknet. Das Wasser kommt tatsächlich vom Dach, geschmolzener Schnee, der eigentlich in jedem Jahr ins oberste Stockwerk läuft. Bei uns war allerdings noch ein Spezialist und meinte mit Expertenblick: Das kommt nicht von oben. Öh, nun gut, dann haben wir eben einen Eimer Wasser über unsere Tapeten gegossen? Ich bin gespannt, wo uns diese Reise noch hinführen wird.

Ich habe heute 2 Prüfungen bestanden. Es ist wirklich nicht all zu schwer, hier zu studieren. Man muss sich nur ein wenig anstrengen und jeden Morgen aus dem Haus gehen, der Rest erledigt sich wie ganz von allein. Nichts desto trotz habe ich übers WE noch reichlich zu tun, es wird sicherlich nicht langweilig von einer Abschiedsparty zur nächsten zu jetten. Holla die Waldfee.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Die haben einen Schaden

Da hatte ich nun so damit geprahlt, dass wir in der obersten (12.) Etage vom Hochwasser und den Stürmen auf dem finnischen Meeresbusen nicht betroffen wären. Voriges Wochenende gab es über uns ein paar Bauarbeiten. Wir hatten schon gescherzt, dass in den Nachrichten bald von 4 verschütteten Ausländerinnen im Wohnheim zu lesen sei, denn es klang sehr bedrohlich. Gestern Abend sitzen wir in der Küche und Vera sieht neben der Wohnungstür schöne große Wasserstreifen. Ich geh runter, berichte der Kommandantin (ja, so nennt sie sich wirklich!). Sie schickt nach einiger Zeit den Wächter, der sich unsere vermeindlich übertriebenen Ängste anschauen soll, in dieser Ecke liegt auch die Klingel und die Verbindungen zum Sicherungskasten. Es läuft von oben in unsere Wohnung. Bald tropft es aus dem Türrahmen, aber was soll man schon machen, Bauarbeiter können erst morgen wieder kommen. Wie legen uns schlafen, hoffen, nicht zu ertrinken oder wegen eines Kurzschlusses in Flammen zu sterben, mut grausiger Erwartung des Morgens.

Heute ist unser Lang-Schlaf-Tag, doch ich wundere mich schon die ganze Zeit im Bett, was denn immer so klopfende Geräusche macht. Das waren natürlich auch die Kommandantin und der Wächter, die sich den Schaden noch mal angesehen und schon einmal Pläne geschmiedet haben, wie sie uns die Renovierungsarbeiten anhängen können. Das soll wohl auch schon in anderen Wohnungen passiert sein. Heute morgen also tropft es auch von unserer Zimmerdecke; in der ganzen Breite des Zimmers zieht sich eine nasse Spur und beginnt die Wand hinunterzulaufen. Gerade eben haben wir festgestellt, dass auch aus einer der Steckdosen Wasser gelaufen kommt. Grund zur Besorgnis? - Sicherlich nicht von unten. Da sind ja noch 11 Etagen dazwischen, bis das Wasser angekommen ist. Es scheint aber so, als ob über uns gewerkelt würde, also ist zu hoffen, dass alle Geschenke wohlbehalten daheim ankommen, in einem trockenen Koffer, mit Besitzer. Man traut sich schon gar nicht mehr, das Licht anzuschalten.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Nur noch 6 mal aufwachen, ...

dann schreib ich meine ersten beiden Prüfungen. Nur noch 14 mal aufwachen und ich habe alle Prüfungen geschrieben. Das kann einem schon ein wenig Druck machen, vor allem, weil ich noch kein bisschen gelernt habe. Die Prüfungen sind aber auch nicht besonders schwer und nicht sehr umfangreich, ich habe also gute Hoffnung.

Der Buchvortrag lief sehr gut. Ich weiß jetzt, dass Russland zwar sehr negativ gesehen werden kann, dass man aber auch nicht so schwarz-weiß denken darf und die viele Graustufen im russischen politischen System ja eigentlich positiv zu nehmen sind und alles noch besser werden wird. Das gehört halt zur demokratischen Entwicklung dazu. Ich bin mir nicht sicher, ob die 250 Mio Bestechungsgelder an russische Gerichte pro Jahr so demokratisch sind, wobei man bedenken muss, dass der Staat selbst ja nicht besticht, sondern einfach nur einen neuen Richter einsetzt, der dann die "richtige" Entscheidung trifft. Wie auch immer, wer weiß, wie viel Geld in Deutschland so fließt.

Aber nicht resignieren, lieber Weihnachtsgeschenke einkaufen gehen und die russische Wirtschaft ankurbeln, auf dass Abramovich seinen Verlust (von 80 Mrd auf nur noch 34Mrd oder so) wieder gut machen kann. Ich will ja nicht, dass russischen Oligarchen die Fußbälle augehen.

Letzte Woche habe ich noch ein wenig Kulturprogramm abgearbeitet. Wir waren in der Jüdin und in Maskenball, zwei sehr schöne Opern, wobei ich die Jüdin eher weiterempfehlen würde.

Ich freu mich schon auf den Heimaturlaub und hoffe, dass alle zu Hause auf die 3 stündige Bilderpräsentation vorbereitet sind. Nein, natürlich werden ich versuchen mich auf 10 Minuten zu beschränken. Wer noch Wünsche hat, melde sich bitte schnellstmöglich bei mir.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

ArbeitsWE

Was soll ich machen, ich kann ja nicht ständig nur von den Hausaufgaben davon laufen und mich in irgendeinem Theater oder Museum verkriechen. Vera und Kasia sind in Moskau, einen Blick auf Lenin werfen und ich schreibe an meinem Buchvortrag, d.h. ich lese und schreibe eine kurze, leichtere Zusammenfassung für meinen russischen Seminarpartner, zum Glück auf deutsch. Das Buch ist langweilig und meiner Meinung nach schlecht strukturiert und so gar nicht für einen Vortrag geeignet. So wie der Autor von den 90ern in die Gegenwart und vom Sport zur Wirtschaft zum FSB und wieder zurück zu Jelzin springt, kann man ihm nicht so recht folgen. Natürlich verstehe ich, dass das hier in Russland alles miteinander zu tun hat :)
Der Essay über Medien- und Öffentlichkeitsdiplomatie muss auch fertig werden. Was für ein Zufall, dass ich ein ganzes Wochenende für mich allein habe und Geld sparen will, für meine vielen Flüge, die ich in nächster Zeit buchen muss.

Die Heizung ist früh morgens warm, nur die Raum- und die Innerbetttemperatur unterscheiden sich so gravierend, dass es einem vorkommt wie im Gulag in der Baracke, was es zu meinem Glück natürlich nicht ist. Der Schnee fällt, die Temperatur sinkt, bald können wir auf dem Busen Schlittschuh laufen.

Ach ja, ich hab heute morgen mein erstes Türchen aufmachen dürfen. Es ist ja für jeden nur aller 4 Tage was drin. Ich habe mich sehr gefreut. Danke Kasia!