Montag, 30. Mai 2011

Wenn jetzt Sommer wär ...

Wir wissen ja schon seit einigen Jahrhunderten, dass Russland in allen Entwicklungen, sei es politisch, philosophisch oder ökonomisch, etwas verspätet auf den Zug aufspringt, aber leider trifft das in Petersburg auch auf das Wetter zu. Wir haben wunderschönstes Aprilwetter mit Sonne, Regen und starkem Wind an jedem Tag und das Anfang Juni. Für mich bedeutet das kein Lernen am Strand sondern im Bett. Ich habe in den nächsten 2 Wochen noch 3 Prüfungen und 4 Familienmitglieder zu meistern. Dann kann ich auch schon bald nach Hause fahren. Mein Flug ist auch schon gebucht. Die Pläne, nach Helsinki und Schweden zu düsen habe ich verworfen, weil man keine Fährverbindung von Stockholm nach Deutschland unter 100 € finden kann; einen Flug schon gar nicht.

An diesem Wochenende haben wir den 308. Geburtstag unserer Wahlheimatstadt gefeiert. Es war ein großes Ereignis mit allerlei Gästen von fern und nah, akrobatischen Einlagen, Bands und Festumzügen. Zur feierlichen Eröffnung hatte man ein Akrobatenteam aus Frankreich eingeladen. Auf dem Schlossplatz waren mehrere große Gerüste aufgebaut und auch zwei große Kräne - alle mit Drahtseilen verbunden. Die Artisten sind dann in Engelskostümen über den ganzen Platz gesaust und haben aus verschiedenen Behältnissen Daunenfedern und goldenes Konfetti fallen lassen. Es gab ungefähr 20 Engel, die verschiedene Bilder dargestellt haben. Erinnert hat mich das ganze an die Engelshow im 3. Stock der Manufaktur der Träume, nur das das hier natürlich ein reiner Abklatsch der Grazie der Darstellung in Annaberg war. Die Hymne der Stadt wurde auch vielfach gespielt. Ich möchte sie hier kurz übersetzen:

Du hohe Stadt, thronend an der Newa,
Wie ein wunderbares Heiligtum öffnest du unsere Herzen.
Stahlst durch die Jahrhunderte in der Schönheit deiner Lebendigkeit,
und der Bronzene Reiter verkörpert deinen Atem.

Unbezwingbar - du hast in den Jahren
alle Stürme und Winde überwunden!
Mit Meeresseele,
unsterblich, wie Russland,
Fregatten, schwimmend unter dem Segel Peters!

Sankt Petersburg, bleibe für immer jung!
Dein Ehrentag verklärt dich.
So gedeihe, unsere schöne Stadt,
die größte Ehre - ein gemeinsames Schicksal zu verleben.

Mit diesen Worten grüße ich mein Petersburg, möge es noch viele Jahre stehen und viele gute Akademiker hervorbringen.

Freitag, 20. Mai 2011

Zusatz

Unsere Heizung ist schon seit einer Woche abgeschaltet. Das Benutzen zusätzlicher Bettdecken ist also strengstens empfohlen.

Neuste Neuigkeiten

Da ich jetzt so oft von Vergangenem schrieb, werde ich mich mal wieder der Gegenwart zuwenden. Die Hitzewelle ist vorbei, ich habe meine Sommerjacke in den Schrank gehängt und meine Winterstiefel rausgeholt. Es regnet. Ich hätte ja mittlerweile nicht mehr erwartet, Regen zu sehen, nachdem ich schon meine Sandalen in den Sand gestreckt hatte. Es gibt ja noch vom Tag des Sieges zu berichten, aber das verschiebe ich auf ein anderes Mal.

Ich möchte nun einem Wunsch meiner Mutter nachgehen und vom Wohnheimleben erzählen. Bevor ich beginne, noch eine kleine Begebenheit. Ich saß mit Hermann in einem O-Bus auf dem Nevskij-Prospekt und wir standen ganz vorn an einer roten Ampel. Sie wurde grün, aber wir wurden gemein von den straßenausnutzenden Autofahrern geschnitten und konnten uns keinen Zentimeter bewegen. In der nächsten Grünphase ging es uns nicht besser. Als der Busfahrer die dritte Möglichkeit weiterzufahren verpasst hatte, fing ein altes Mütterchen, das relativ weit vorn saß, an zu zetern, er möge doch endlich fahren, er habe ja schon drei Grünphasen verpasst. Sie beschuldigte ihn der Unfähigkeit und beschwerte sich dann weiter beim Kontrolleur, sie solle doch vorgehen und dem gnädigen Busfahrer sagen, dass er endlich auch die anderen schneiden muss. Binnen Sekunden wurden alle anderen alten Mütterchen im Bus wach und riefen, oder unterhielten sich untereinander über den Verkehr, die langsamen Busse und natürlich unseren unfähigen Busfahrer. Wir saßen hinten und haben uns nur köstlich amüsiert, wobei ich bestätigen kann, dass der Fahrer die Größe seines fahrbaren Untersatzes wirklich besser ausnutzen könnte. Die nächste Phase haben wir geschafft.

Nun zum Leben im Wohnheim. Viel gibt es nicht zu erzählen. Im Auslandssemester kommt es allen Gaststudenten doch eher aufs Lernen als aufs Feiern an. Wie dem auch sei, Parties in der Größenordnung von 2 Wohnungen sind zumindest für die ersten zwei Monate keine Sonderheit und zum Glück bin ich immer schon weg, wenn der Wächter von unten die Sause beendet. Strafen wie Flurwischen oder andere Säuberungsaktionen sind in dieser Zeit auch recht häufig. Ich bin überhaupt überrascht, dass man das mit "erwachsenen" Menschen noch machen darf und das sie sich das gefallen lassen, aber es scheint, dass in Russland immer die älteren Leute recht haben.

Putzfrauen routieren. Das habe ich in diesem Semester schmerzlich erfahren müssen. Unsere schon so gut herangezogene Lena wurde einem anderen Flur zugewiesen, aber die Neue ist auch nicht schlecht. Ich kann schon verstehen, dass das als Gegenmaßnahme gegen persönliche Gefallen sinnvoll ist. Wir bekommen aber ständig gesagt unseren Alkohol in den Schränken zu verstecken, weil man eigentlich keinen auf seinem Zimmer haben darf. Jugendherbergs-Feeling. Vor kurzem wurden Fernsehre inspiziert. Meiner hat ja noch nie funktioniert, ich weiß nicht mal, wo man den anschalten kann, aber mein Zimmer blieb auch verschont vom strengen und allsehenden AUGE der Oberaufseherin über Einrichtungsgegenstände. Es gibt also eine Kommandantin, die ist für die Platzzuordnung verantwortlich und dann eine Wäschefrau, eine Deckenfrau (bei der man am Ende seines Aufenthaltes seine Decken in aller Ordnung abgeben und eine Unterschrift entgegennehmen muss), viele Angestellte und die, meiner Meinung nach, schrecklichste von allen, die Oberaufseherin über Haus, Kram und Krempel. Sie prüft nach, ob die Fenster richtig geputzt wurden. Sie Geht jedes Semester durch alle Zimmer und prüft die Möbelbestände, sie steht immer hinter jeder Putzfrau und schaut ihr auf die Finger, sie ist gnadenlos, skrupellos und ihrem Wohnheim treu, sie ist die Supernanny für alle bösen ausländischen Stundenten und man hat immer das Gefühl auf jeden Fall zu dieser Gruppe hinzuzugehören. Nun steht ja auf jedem Möbelstück irgendwo die Nummer der Wohnung drauf, in die es gehört. Das ist sinnvoll und hat uns schon früher immer Stühle hin und her tragen lassen müssen. Aber auch die Fernsehre und passenden Bedienungen sind mit einer Nummer versehen und just in meinem Nachbarzimmer stand ein Fernseher mit einer anderen Nummer! Da war nur noch Heulen und Zähneklappern! Die Oberaufseherin schickte sofort eine Unteraufseherin (ich glaube, die mit Zettel und Stift), um in dem anderen Zimmer auf die Nummer zu schaun. Dann nahmen sie den Ferhseher mit. Nach ca einer Stunde brachen die 4! Frauen ihn unversehrt, aber mit passender Nummer zurück und verlangten, einen Tisch für ihn frei zu machen. In jedem Zimmer gibt es ein kleines Fernsehtischchen, aber in einigen Zimmern (mit den alten Möbeln) gibt es nur einen Schreibtisch, weswegen der kleine Tisch zwangsläufig als Abstellfläche genutzt, und der nie benutzte Fernseher abgestellt werden. Wohin nun mit der Geißel der Menschheit? Wieder auf den Boden, aber der war sehr dreckig. Also mussten meine lieben Mitbewohnerinnen erst einmal vor aller AUGEN wischen und dann noch einen Kopfkissenbezug opfern, um das gute Stück einzuwickeln. Seit diese Spielereien vorbei sind, sehe ich die gute Oberaufseherin fast jeden Morgen im Fahrstuhl und dränge mich immer ängstlich in eine Ecke, auf das sie mich nicht in meinem letzten Monat noch nach Peterhof (4 Stunden bis zur Uni) verbannt. Nur Guten Morgen trau ich mir zu sagen.

Der Rest des Personales kennt mich aber schon recht gut. Fast alle Rezeptionistinnen stellen meinen Schlüssel raus, sobald sie mich durch die Tür kommen und meinen Eingangspass vorzeigen sehen. Die wissen also, wo ich wohne! Das ist cool, das werd ich ein wenig vermissen. Auch allein zu wohnen hat seine reine Positivität verloren. Ich habe ja mein Leben lang ein eigenes Zimmer besessen, aber zu Zweit wohnen kann auch nett sein. Was menschliche Beziehungen im Wohnheim betrifft, vereinfacht die Entfernung, Kontakt zu halten. Sich auf einen Tee zu treffen ist also schneller entschieden und umfasst nicht das Anziehen von ordentlicher Kleidung oder Straßenschuhen. Alles sehr einfach, so wie man das von daheim gewöhnt ist.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Geburtstagsfeier

Mein Geburtstag und die Woche davor waren unspektakulär und eigentlich nicht erwähnenswert, wenn es nicht mein Geburtstag gewesen wäre. Da wir am selben Abend mit dem Nachtzug nach Moskau aufbrechen wollten, hatte ich nur ein kleines Abendessen für meine beiden Mitbewohnerinnen zubereitet. Ja, richtig, wir waren zu diesem Zeitpunkt nur noch zu dritt, denn meine liebe Linda hatte sehr spontan eine neue Wohnung in der Nähe ihres Freundes gefunden und ist zum 29.04. ausgezogen. Ich war natürlich weniger begeistert, aber die Moskaureise hatte mich erst ein mal fest im Gedankengriff. Das Abendessen war italienisch, Bruscetta und Nudeln mit Fisch-Broccoli-Käse-Sauce. Noch in der vorigen Nacht hatten mir alle vier einen Mitternachts-Kuchen- und Sektempfang bereitet.

Kurz vor Mitternacht des 29. Aprils fuhren wir dann zum Moskauer Bahnhof. Wir, das waren meine beiden bezaubernden Mitbewohnerinnen, Silvia aus Österreich, die wie meine liebe Vera aus dem letzten Semester in Salzburg studiert, und Adam aus den USA. Wir waren natürlich eineinhalb Stunden zu früh am Bahnsteig und nutzten die Zeit, um Getränke und Verpflegung für die 8 Stunden lange Fahrt in einem engen russischen Zug zu besorgen. Die Preise am Bahnhof sind übrigens horrend, man sollte besser den Weg zum nächsten Supermarkt auf sich nehmen.
Der Zug selbst war lang und wir mussten natürlich an der allerletzten Tür einsteigen. Nachdem wir also unser Gepäck die 30 Wagons entlanggeschleppt hatten wurde mit dem Reisepass das Ticket kontrolliert und die Bettensuche begonnen.  Die Nummern waren fast unmöglich zu lesen und wir sind zwei mal durch den Wagen gelaufen bis wir unsere Privatquartiere gefunden hatten. Privat beschreibt es übrigens sehr gut. Man stelle sich einen normalen Wagon mit Abteilen auf der einen und einem Gang auf der anderen Seite vor. In diesem speziellen Schlafwagen wurde die Vorderwände der Abteile ausgebaut und im Gang am Fenster noch ein Doppelstockbett installiert, so dass praktisch in jedem Abteil des Zuges 6 Menschen schlafen konnten. Wieder allen Erwartens war es weder stickig noch heiß und man konnte wirklich gut schlafen. Gegen 10 waren wir in Moskau und sind gleich in unser Hostel gefahren. Die Metro ist viel komplizierter und weitläufiger als in St. Petersburg. Manchmal musste man gefülte fünf Kilometer laufen um von einer zur andere Linie zu wechseln; das passiert einem in Petersburg zum Glück nicht. Das Hostel war erträlich und nur 30 Gehminuten vom Roten Platz entfernt. Gleich am ersten Tag haben wir diesen auch besichtigt, nur leider war Lenin für die nächste Woche geschlossen. Die Basilika ist natürlich wunderschön, aber ich würde sagen, bis auf die Kunstgalerien, die wir in Moskau besichtigt haben, war nichts vergleichbar schön wie daheim in Petersburg. Die Stadt ist noch größer, ganz anders gebaut, sowjetischer und gar nicht aus Holz. Der Kreml ist auch sehr nett. Wir haben in Gorky Park das Lied Wind of Change gesungen und mit Pantomimen getanzt. Alles in allem war es ein befriedigender Kurzurlaub und wir haben wirklich viel gesehen in den drei Tagen. Petersburg ist mir aber um einiges lieber als Moskau; die Leute sind einfach netter.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Österliche Nachtanstrengung mal anders

'S wird wohl Zeit meinen Blog auf den neusten Stand zu bringen. Zum Einen soll der neue Hintergrund beruhigender wirken und zum entspannten Lesen anregen; zum Anderen werde ich die großen Abenteuer der letzten Wochen ausführlich zusammenfassen.

Ostern war fast so schön wie daheim, nur die Familie hat gefehlt. Wer glaubt, ich hätte heidnische Ostern gefeiert, der liegt genau richtig. Wir haben Ostereier gefärbt und banderolisiert, ganze 9 Stück! Eigentlich hat es sich bei dieser Zahl gar nicht gelohnt, aber um Ostern Willen konnte ich nicht widerstehen. Stimmung war also vorhanden, Motivation auch, nur die Mittäter waren nicht besonders zahlreich. Linda ist sowieso ständig bei ihrem Freund, nicht das ich ihr das übel nehme, aber ich nehme es ihr zu Ostern ein wenig krumm. Katja hatte nachdem wir unsere Osternpläne vorgelegt hatten, rigoros ihre eigenen verfolgt, aber sie hätte die Möglichkeit gehabt, sich uns anzuschließen und bewusst einen anderen Weg gewählt. So haben Emily und ich Eier gefärbt, ein gackerndes Huhn aus einem Joghurtbecher gebastelt (nein, ich habe gar nichts von meiner Mutter geerbt!) und sind Osteressen-einkaufen gegangen. Mittag war leider nicht drin, aber Sonntagabend hatten alle ein paar Minuten Zeit, unser Gekochtes zu genießen. Ich gebe zu, ein wenig sauer auf die niedrige Osterbeteiligung gewesen zu sein, aber es war trotzdem schön.

Wichtiger als das Essen war jedoch die Osternacht. Emily und ich hatten uns relativ spontan entschieden gegen 23:30 in eine, zwei Gehstunden entfernte, orthodoxe Kirche zu gehen und uns von Weihrauch und Popegesängen eindämmern zu lassen. Im internet hatten wir noch gelesen, mal soll sich weiß und rot anziehen und sehr festlich gehen. Also haben wir unsere besten Sachen angezogen und sind im schützenden Dinkel der Nacht aufgebrochen. Als wir ankamen, war natürlich alles schon in vollem Gange. Also insofern man überhaupt ein Element dieses Gottensdienstes als in vollem Gang bezeichnen kann. Es war auf jeden Fall interessant, aber leider auch wahnsinnig langweilig. Also: Als wir eintraten, sangen die Priester gerade abwechselnd mit dem Chor undefinierbare Zeilen. Der ganze Gottesdienst war auf altrussisch, was heißt ich hatte nicht einmal eine faire Chance etwas zu verstehen. Kurz vor Zwölf wurde eine Gasse im Kirchenraum gebildet und der Altarraum hinter der Ikonostase geöffnet. Man sah die Priester Vorbereitungen machen. Es gab übrigens einen älteren Hauptpriester und vier Nebenpriester. Die Helfer habe ich nicht gezählt, aber es gab sicherlich mehr als sechs. Alle waren in wunderschöne Roben gehüllt, zu Beginn einfaches Schwarz. Bei ihren Vorbereitungen für den Tageswechsel zogen sie sich aber alle weiße, mir silbernem Faden kunstvoll bestickte Roben über, wobei die Helfer "einfacher" gekleidet waren als die Priester selbst und jeder bekam ein Kreuz, ein Banner oder eine Ikone in die Hand und sie zogen aus der Kirche hinaus. Dabei sangen sie ein Lied von den Qualen und der Auferstehung Jesu. Wir, als Gemeinde, zogen hinterher und freuten uns schon auf ein wenig Frischluft und Bewegung der Beine, aber als ungefähr ein Drittel der Leute ausgezogen war, wurden einfach die Türen der Kirche geschlossen. Der einzigen Ausgang. Wir hatten eine Woche zuvor den Film "Der Patriot" geschaut, in dem ein ganzes Dorf in einer Kirche eingeschlossen und verbrannt wurde, als waren wir ein wenig verwundert und unschlüssig.

Nach ein paar Minuten hörten wie die Gesänge zurückkommen und jemand klopfte lautstark an die Tür, um eingelassen zu werden. Es war der Oberste. Er war auch der erste, der Христос Воскресe (Christos Woskrese - Der Herr ist auferstanden) rief, worauf die Gemeinde lautstark und aus vollem Herzen antwortete: Воистину Воскрес (Woistinu Woskres - Er ist wahrhaftig auferstanden). Das wiederholte sich dann noch viele Male. Während der Festzug die Kirche wieder hinabzog, zündeten alle Orthodoxen ihre Kerzen an und, zu meiner Überraschung, wurden die Leuchtschilder über der Ikonostase angeschaltet. Ich hatte eingentlich geglaubt, es wären einfache Schilder, rote Schrift auf goldenem Metall, aber zu Mitternacht wurde der Schalter umgelegt und die Auferstehung Christi mit einem rot leuchtenden Schriftzug beworben (Христос Воскресе - Воистину Воскресе). Ein amüsamtes Detail zwischen den vielen Gesängen, die ich nicht kannte. Es war 12:00.

Danach gings aber erst richtig los, mit der Langeweile, denn ich kann sagen, dass dies der aktivste Teil des Gottesdienstes gewesen war. Und das ewige Stehen begann. Während der nächsten 3 Stunden zog sich der Oberste 8 Mal um und legte alle seine festlichsten Gewänder an. Das war schon eine Schau, aber leider lag zwischen jeder Bahn Stoff 20 Minuten Gesang, Räuchern, Segnen und viel Chor. Die Leute schienen wie verzaubert und bewegten sich kaum. Erst nach 2 Stunden gingen die ersten und manche begannen von einem auf den anderen Fuß zu treten. Wir hatten in diesem Stadium schon mehrmals um starke Muskeln und feste Füße gebetet und konnten kaum noch dem Drang widerstehen uns einfach hinzusetzen, wo wir standen. Außerdem setzte die Müdigkeit ein. Es war 2:00.

Eine weitere Stunde später wurden alle heiligen Schriften der Kirche eine Runde um die Ikonostase getragen und besungen. Es waren wirklich schön eingebundene Bücher mit goldenen Metallrücken und großartiger Schmiedearbeit, aber man hätte das alles viel kürzer gestalten können! Die Priester hatten sich übrigens ein letztes Mal umgezogen und trugen jetzt alle wirklich schöne rote Roben und der Oberste hatte eine passende Krone bekommen (die erste war weiß-gold, die zweite rot-gold). Um die Bibelgeschichte interessanter zu gestalten, nahm  der Oberste ab und zu seine Krone ab und küsste die heilige Schrift und den Altar hinter der Ikonostase. Dann wurde ihm das Ding wieder auf den Kopf gedrückt, nur um für die nächste Bibel wieder abgenommen zu werden (Es gab 3 Bibeln). Der Priester, der für das Abstellen der Krone verantwortlich war, musste übrigens immer den Handrücken des Obersten küssen, wenn er die ach so kaiserliche Kopfbedeckung berührte. Überhaupt gab es in diesem Teil sehr viel Geküsse. Alle Priester küssten einander gegenseitig auf die Hände und natürlich jeder dem Obersten und die Gläubigen fingen an, die Ikonen in der Kirche abzuschlecken. Ich hatte Emily schon 2 Mal gefragt, ob sie bis zum Ende bleiben wollte und sie hatte immer mit ja geantwortet. Das bereitete mir ein wenig Sorge, weil ich nicht mehr stehen konnte und gern gelegen hätte, auch um zu schlafen. Es war schon 2:45.

Dann kam ein Teil, den ich verstand. Glaubensbekenntnis, Vater unser und die ersten Vorbereitungen für das Abendmahl. Das Ende konnte also nicht mehr so weit weg sein und ich könnte bald nach Hause. Eine andere Sorge war in diesem Moment, ob ich nach Hause laufen, oder gehen müsste. Denn wer weiß, wie viele Autos in der Osternach unterwegs sind und Taxidienste anbieten. Aber erst mal das Ende des Gottesdienstes abwarten. Wer weiß, vielleicht würde die Metro schon wieder öffnen, wenn wir fertig sind (öffnet halb sechs). ich hielt das zu diesem Zeitpunkt für sehr warhrscheinlich, denn wenn die Roben und die Bibeln schon 3 Stunden gedauert haben, wie lang würde dann erst der wichtige Teil des Gottesdienstes werden!?

Just in diesem Moment fragte mich Emily, ob ich denn auch nach vorn gehn und die Ikone küssen würde und da ging mir das Osterlicht auf. Sie selbst ist ja nicht religiös und sie dachte, das wäre für mich wichtig und ich wöllte gern bleiben. Sie wollte höflich sein! Kommunikation ist wirklich alles, in der heutigen Zeit. Ich war schon seit 2 Stunden bereit zu gehen und bin nur geblieben, weil sie immer zu bis zum Ende bleiben wollte und sie dachte ich will die Ikone küssen! Wir hätten das vorher wirklich absprechen sollen. Sobald wir unsere übereinstimmende Ermüdung erkannt hatten, waren wir auch schon vor der Tür und auf der Suche nach einem Taxi. Der Clou der Nacht: wir hatten einen taub-stummen Taxifahrer, mit dem ich per Zettel Geschäft gemacht habe. Das war mir auch neu, dass die fahren können, aber sie können ja wenigstens sehen und ich nehme an, sie sind aufmerksamer, als die Idioten, die mit lauter Musik und Glimmstengel die Stadt unsicher machen. Wir waren froh in unseren Betten anzukommen und hatte zum Glück keine 5 Uhr Ostermesse, aber sicherlich einen ebenso anstrengenden Osterstand im Vergleich zum heimischen Ostermarsch.

Kloßteig und marinierte Hühnerbeine hatten wir schon am Abend zuvor fertiggestellt und mussten fürs Abendessen nur noch die Möhren glasieren und Klöße formen. Ich hatte 6 Kilo Kartoffeln geschält für 6 Personen. Abzüglich der Schalen und des Wassers bleiben ja sowieso nur 4 Kilo übrig, ich befand meine Kalkulation also als berechtigt. Es gab für jeden ja auch nur ein Hühnerbein. Die lagen in einer scharfen Honig/Wein/Tomaten/Senf/Pfeffer/Sojasaucen/und viele andere Sachen - Marinade und schmeckten großartig. Wir haben sie gekocht und sie zergingen auf der Zunge. Die Möhren waren wirklich süß, passten aber perfekt zum Huhn; die Klöße waren die einzgen echten Sorgenkinder. Die ersten zerkochten völlig, worauf ich Omas Stärke in großen Mengen hinzufügte. Danke dafür! Als ich dann auch die richtige Temperatur gefunden hatte, gabs köstliche Klöße, von denen nur ein Minimum an Teig im Wasser verblieb. Die Wassertemperatur ist das wirkliche Geheimnis beim Klöße kochen! Wenn die nicht stimmt, ist alles vergäblich (nein, das ist kein Rechtschreibfehler, das ist ein erzgebirgisches Verb, zu übersetzten als 'klein und schrumpelig', in diesem Fall aber eher im Wasser völlig aufgelöst, in anderen Fällen auch schwach, hilflos oder ohne Erfolg (die erzgebirgische Sprache ist grenzenlos)). Essen war lecker, Nachtisch war mohnig und dann habe ich schnell noch die Osterkörbchen in der Küche versteckt. Man glaubt gar nicht, wie viele Verstecke es in einem so kleinen Raum geben kann, aber die Leute haben bestimmt 5 Minuten gesucht. Ich habe also meines Vaters Talent geerbt.

Ostermontag gibt es in Russland nicht und selbts an Ostern haben alle Lebensmittelgeschäfte geöffnet. So ein richtiger Feiertag ist es also nicht. Aber lange und mehr oder weniger sinnlose Gottesdienste gibts im ganzen Land. Obwohl ich ja schon froh bin, das wir es so lang ausgehalten haben. Ich hätte sonst "viel" verpasst. An Handlungen gab es ja nicht so viel, der Gesang überwiegt und die Zeremonie. Ohne das wäre es um mehrere Stunden kürzer, interessanter und besser auszuhalten. Ich kann immer noch nicht glauben, dass die ganzen alten Leute so gut gestanden haben. Sie sind eben einiges gewöhnt. Mein Fazit: Ein mal reicht völlig aus, aber ich empfehle jedem, die Möglichkeit zu nutzen. Schon allein um die Bekreuzigungen zu zählen. Ich hab irgendwann bei 200 den Faden und die Lust verloren, aber wenn mir jemand einen Mittelwert nennen kann, wäre ich sehr interessiert.