Mittwoch, 23. März 2011

Widmung

Nun schreibe ich schon seit einiger Zeit und habe noch niemanden gefunden, der mir eine Widmung auf die erste Seite setzt. Wie ich von meinem Vater gelernt habe, soll man die Dinge dann auch lieber selbst in die Hand nehmen, sonst wird's nichts und aus diesem Grunde widme ich selbst meinen Blog zumindest teilweise den Küchenfrauen meiner Fakultät und der kreativen Gestaltung meiner alltäglichen Rohkost. Seit ich im März wieder an der Uni bin und mich zu Mittag an meinem komplexen Essen freue (Suppe, Hauptgericht (eigentlich immer nacksche Nudeln und Bulette), ein Salat und eine Tasse Tee für nur 100 Rubel) gibt es ständig Rohkost. Das mag langweillig erscheinen, doch die guten Frauen des Hauses wissen die Karottenraspel geschickt aufzuwerten. Möhren selbst kann man nicht modifizieren, doch im Spiel mit 3 sogenannten Accessoires kann dem Stundenten ein spannendes Mahl bereitet werden. Heute fand ich Zucker und ein wenig Petersilie, gestern einen kleinen Klecks Smetana und letzte Woche Mittwoch, bei wohl all zu spendabler Stimmung der Küche, sogar 3 Rosinen, aber sicherlich nicht mehr. Da dies mein einziges Gemüse in der Woche ist, freue ich mich immer ganz besonders darauf und werde meinen Dank mit dieser Widmung zum Ausdruck bringen:

Ich widme meinen Blog zum Teil dem Küchenpersonal der Smolnyj Fakultät und danke für ihre wortlose Seriosität bei der Ausgabe und Zubereitung der Kost für die zukünftigen Eliten des Landes. Vielen Dank, dass ihr mich bei meiner wöchentlichen Nährstoffzufuhr unterstützt und meine Arbeit erst möglich macht.

Wochenende

Ich sehne es herbei, aber noch muss ich einen Tag durchhalten. Montag habe ich tatsächlich von 11 bis 7 Uni und muss natürlich hin und her fahren. Dienstag und Mittwoch nur von 11 bis 5. An diesem Wochenende ist Arbeit geplant. Ich werde das Sarrazin Buch beenden und den Vortrag lesen, dann den Grafen von MonteChristo bearbeiten, oder auch anders herum, und zu guter Letzt habe ich mich entschieden eins der hiesigen FitnessStudios zu besichtigen. Aber wirklich erst mal nur besichtigen. Viele von den unsrigen verbringen dort ihre wache, nüchterne, freie Zeit, also etwa 3 Stunden in der Woche und erfreuen sich an verschiedenen, der Erholung und körperlichen Entspannung dienenden Kursen. Ich selbst werde mich vielleicht zu einem Stündchen Yoga hinreißen lassen. Das soll ganz schön anstrengend sein, aber wenigstens muss man nicht auf irgendwelchen Plastestufen hin und her springen. Ich müsste nur wissen, ob ich meine eigenen Matte mitbringen und ob ich vorher mit meinem inneren Chakra im reinen sein muss. Ich sollte mir vermutlich auch Turnschuhe kaufen, aber ich denke ja auch immer an meinen Heimfahrkoffer und die Kilo die ich dann durch Helsinki und Stockholm tragen darf.

Sonntag, 20. März 2011

Extrablatt

Der Alltag hat sich eingestellt,
Wohlan, wer will ihn sehn?
Der muss hinaus ins graue Feld,
ins Häuserfeld nun gehn.

Die Vorlesungen sind interessanter als im letzten Semester aber immer noch unter meinem Niveau. Nur die russischen Vorlesungen sind aufregend, weil man ununterbrochen rätselraten muss, was der Dozent nun genau gemeint und genuschelt hat. Auch schnell und leserlich russisch Schreiben ist eine Kunst, die ich noch erlernen muss. Sieht aber sicherlich besser aus als mein arabisch oder mandarin. Ich gehe jetzt immer öfter Klavier spielen und kann mich an diesem Flügel wirklich nur verbessern.
Letzte Woche bin ich zusammen mit Linda zu einem Gemeindeabend einer Russisch-Amerikanischen Gemeinde gegangen und war begeistert von Liedern und Leuten. Ich werde mich bemühen, oft hinzugehen, aber man muss, wie überall hin, eine ganze Stunde fahren. Heute waren wir auch zusammen in deren Gottesdienst, der russisch-englisch gehalten wird und zum Glück auf unserer Insel stattfindet (15 min Fahrt). Die Gemeinde besitzt einen Raum auf dem Dachboden einer großen Kirche. In den unteren beiden Stockwerken finden simultan weitere Gottesdienste statt und man kann die verschiedenen Bands hören.

Katharina hat gelernt, wie man Blini macht, weswegen heute Abend Familiendinner geplant ist. Blini mit Schinken und Käse, süßer Kondensmilch oder Schokosauce und selbstgemachte, heiße Schokolade. Linda wird vermutlich nicht kommen können, weil ihr Freund endlich angekommen ist. Er bleibt ein ganzes Jahr, genau so wie sie.

Gestern vormittag waren wir auf dem vermutlich größten Basar der Stadt. Er beginnt mit normalen, kleinen Geschäften, entwickelt sich zu einem Klamottenmarkt mit riesigen Kisten und Kästen, voll von Mänteln, Oberteilen, Tüchern - ein riesies Kramland. Doch der eigetliche Spaß beginnt erst auf Level 3. Man findet sich in der Mitte von aus Schnee gebauten Tischen wieder, auf denen Leute all ihre Fundstücke und Habseligkeiten feil halten. All die Sachen liegen einfach im Schnee oder auf Plastikplanen und die Menschenmassen laufe durch Gänge, die durch die 10 ewig langen Reihen gegraben wurden. Man kann sich an einem Tag nur einen Bruchteil der Angebote anschauen und findet überall interessante Gebrauchsgegenstände, wie Gasbrenner oder Löffel, oder sovjetische Abzeichen und alte Armeeausrüstung. Einiges davon könnte man in Deutschland sicherlich gut verkaufen. Aber so verzweifelt bin ich ja noch nicht.

Montag, 7. März 2011

Back to Business

Schon seit einer Woche wieder in der Studienstadt meiner Wahl hat sich einiges verändert. Nicht die Stadt selbst natürlich, aber die Stimmung ist anders. Wir müssen uns wohl alle erst aneinander gewöhnen und ich vermutlich mehr an sie, als umgekehrt. Meine Mitbewohnerinnen sind beschwerdefrei, wischen und waschen ab, kümmern sich um Haus und Hof und sind nebenbei sehr nette Menschen. Es sind zwei Deutsche und eine Amerikanerin eingezogen, was unsere Amtssprache auf Englisch/Deutsch reduziert, aber ich habe ja an der Uni noch Russischkurse, die ich regelmäßig! besuchen werde. Die Amerikanerin studiert in Kanada und hat sich auf PR spezialisiert, meine Deutsche ist Förderschulpädagogin und die andere an der Wirtschaftsfakultät. Die beiden ersten Wochen des Kennenlernens zu verpassen war dumm und ich rate keinem, es mit nachzumachen. So sehr ich den Urlaub genießen konnte, so sehr beisst mich meine Abwesenheit jetzt in den Hintern. Ich kenne keinen mehr und die Neuen haben sich alle schon in kleine Grüppchen aufgeteilt. Das macht das allgemeine Freundschaft-schließen schwieriger als erwartet. Aber ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen. Ich finde mich zurecht.

Die Uni hat für mich noch nicht richtig begonnen. Vorlesungen finden wie immer für mich nur von Montag bis Mittwoch statt, auch die russischen, und diese Woche feiern wir erst mal Frauentag und Frühlingsfest, was Montag und Dienstag, meine längsten Tage, zu Feiertagen gemacht hat. Also bin ich immer noch unbeschäftigt und langweile mich zu Tode. Der Spaß des nächsten Semesters muss erst noch beginnen.