Donnerstag, 13. Januar 2011

Von Menschen und Nationen

Ich vergaß ganz, von meinen Deutschlandeindrücken zu erzählen und in bunten Farben zu schildern, wie die deutsche Jugend am Berliner Hauptbahnhof gitarrespielend auf ihren Zug wartete. Nun ist Berlin ja aber auch beliebter Sammelplatz für alle Buntröcke und der Zug nach Leipzig dafür prädestiniert, allerlei jungen Volks zu bewegen. Ich muss leider auch sagen, dass die Berliner den Russen in der Kundenbetreuung in nichts nachstehen, mit der Arbeitsmoral: Weniger sagen ist mehr, Lächeln nur in äußersten Notfällen. Daheim war natürlich alles anders. Wobei ich mich am meisten geschämt habe, war immer als Erste zu gehen, wenn auf dem Bürgersteig eine schneebedingt enge Stelle war. In Russland ist das es so unüblich, jemanden vorzulassen, dass ich mir sehr unhöflich vorkam, den Weg als breit genug für Beide zu betrachten, wenn die Deutschen lieber stehen bleiben und in einem stummen Blickduell um Vorrangsrecht verhandeln. Hier läuft man eben ein Stück am Rand, ist dafür schneller weitergegangen und hat vermutlich auch noch den Weg für nachkommende Passanten verbreitert.

Ich habe mich jetzt in die Küche umquartiert, mir meinen Schreibtisch in die Ecke gestellt und meine Hausarbeit fast komplettiert. Meine Mitbewohnerin, Lena, kann ruhig schlafen und ich kann ruhig arbeiten, ohne meinen Schlafplatz mit Arbeit belasten zu müssen oder umgekehrt. Ich kann vermutlich froh sein, bis jetzt überhaupt gearbeitet oder geschlafen zu haben, wo ich doch immer in meinem Bett gesessen habe. Nun ist es auch leichter, Essen und Arbeiten zu verbinden, da der Kühlschrank nur eine Beinlänge entfernt ist. An unsere Neuen haben wir uns gewöhnt. Es wird ein angenehmer Monat werden. Ich bin froh zu wissen, dass Russen und Deutsche doch in einem Zimmer leben können.

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