Da ich jetzt so oft von Vergangenem schrieb, werde ich mich mal wieder der Gegenwart zuwenden. Die Hitzewelle ist vorbei, ich habe meine Sommerjacke in den Schrank gehängt und meine Winterstiefel rausgeholt. Es regnet. Ich hätte ja mittlerweile nicht mehr erwartet, Regen zu sehen, nachdem ich schon meine Sandalen in den Sand gestreckt hatte. Es gibt ja noch vom Tag des Sieges zu berichten, aber das verschiebe ich auf ein anderes Mal.
Ich möchte nun einem Wunsch meiner Mutter nachgehen und vom Wohnheimleben erzählen. Bevor ich beginne, noch eine kleine Begebenheit. Ich saß mit Hermann in einem O-Bus auf dem Nevskij-Prospekt und wir standen ganz vorn an einer roten Ampel. Sie wurde grün, aber wir wurden gemein von den straßenausnutzenden Autofahrern geschnitten und konnten uns keinen Zentimeter bewegen. In der nächsten Grünphase ging es uns nicht besser. Als der Busfahrer die dritte Möglichkeit weiterzufahren verpasst hatte, fing ein altes Mütterchen, das relativ weit vorn saß, an zu zetern, er möge doch endlich fahren, er habe ja schon drei Grünphasen verpasst. Sie beschuldigte ihn der Unfähigkeit und beschwerte sich dann weiter beim Kontrolleur, sie solle doch vorgehen und dem gnädigen Busfahrer sagen, dass er endlich auch die anderen schneiden muss. Binnen Sekunden wurden alle anderen alten Mütterchen im Bus wach und riefen, oder unterhielten sich untereinander über den Verkehr, die langsamen Busse und natürlich unseren unfähigen Busfahrer. Wir saßen hinten und haben uns nur köstlich amüsiert, wobei ich bestätigen kann, dass der Fahrer die Größe seines fahrbaren Untersatzes wirklich besser ausnutzen könnte. Die nächste Phase haben wir geschafft.
Nun zum Leben im Wohnheim. Viel gibt es nicht zu erzählen. Im Auslandssemester kommt es allen Gaststudenten doch eher aufs Lernen als aufs Feiern an. Wie dem auch sei, Parties in der Größenordnung von 2 Wohnungen sind zumindest für die ersten zwei Monate keine Sonderheit und zum Glück bin ich immer schon weg, wenn der Wächter von unten die Sause beendet. Strafen wie Flurwischen oder andere Säuberungsaktionen sind in dieser Zeit auch recht häufig. Ich bin überhaupt überrascht, dass man das mit "erwachsenen" Menschen noch machen darf und das sie sich das gefallen lassen, aber es scheint, dass in Russland immer die älteren Leute recht haben.
Putzfrauen routieren. Das habe ich in diesem Semester schmerzlich erfahren müssen. Unsere schon so gut herangezogene Lena wurde einem anderen Flur zugewiesen, aber die Neue ist auch nicht schlecht. Ich kann schon verstehen, dass das als Gegenmaßnahme gegen persönliche Gefallen sinnvoll ist. Wir bekommen aber ständig gesagt unseren Alkohol in den Schränken zu verstecken, weil man eigentlich keinen auf seinem Zimmer haben darf. Jugendherbergs-Feeling. Vor kurzem wurden Fernsehre inspiziert. Meiner hat ja noch nie funktioniert, ich weiß nicht mal, wo man den anschalten kann, aber mein Zimmer blieb auch verschont vom strengen und allsehenden AUGE der Oberaufseherin über Einrichtungsgegenstände. Es gibt also eine Kommandantin, die ist für die Platzzuordnung verantwortlich und dann eine Wäschefrau, eine Deckenfrau (bei der man am Ende seines Aufenthaltes seine Decken in aller Ordnung abgeben und eine Unterschrift entgegennehmen muss), viele Angestellte und die, meiner Meinung nach, schrecklichste von allen, die Oberaufseherin über Haus, Kram und Krempel. Sie prüft nach, ob die Fenster richtig geputzt wurden. Sie Geht jedes Semester durch alle Zimmer und prüft die Möbelbestände, sie steht immer hinter jeder Putzfrau und schaut ihr auf die Finger, sie ist gnadenlos, skrupellos und ihrem Wohnheim treu, sie ist die Supernanny für alle bösen ausländischen Stundenten und man hat immer das Gefühl auf jeden Fall zu dieser Gruppe hinzuzugehören. Nun steht ja auf jedem Möbelstück irgendwo die Nummer der Wohnung drauf, in die es gehört. Das ist sinnvoll und hat uns schon früher immer Stühle hin und her tragen lassen müssen. Aber auch die Fernsehre und passenden Bedienungen sind mit einer Nummer versehen und just in meinem Nachbarzimmer stand ein Fernseher mit einer anderen Nummer! Da war nur noch Heulen und Zähneklappern! Die Oberaufseherin schickte sofort eine Unteraufseherin (ich glaube, die mit Zettel und Stift), um in dem anderen Zimmer auf die Nummer zu schaun. Dann nahmen sie den Ferhseher mit. Nach ca einer Stunde brachen die 4! Frauen ihn unversehrt, aber mit passender Nummer zurück und verlangten, einen Tisch für ihn frei zu machen. In jedem Zimmer gibt es ein kleines Fernsehtischchen, aber in einigen Zimmern (mit den alten Möbeln) gibt es nur einen Schreibtisch, weswegen der kleine Tisch zwangsläufig als Abstellfläche genutzt, und der nie benutzte Fernseher abgestellt werden. Wohin nun mit der Geißel der Menschheit? Wieder auf den Boden, aber der war sehr dreckig. Also mussten meine lieben Mitbewohnerinnen erst einmal vor aller AUGEN wischen und dann noch einen Kopfkissenbezug opfern, um das gute Stück einzuwickeln. Seit diese Spielereien vorbei sind, sehe ich die gute Oberaufseherin fast jeden Morgen im Fahrstuhl und dränge mich immer ängstlich in eine Ecke, auf das sie mich nicht in meinem letzten Monat noch nach Peterhof (4 Stunden bis zur Uni) verbannt. Nur Guten Morgen trau ich mir zu sagen.
Der Rest des Personales kennt mich aber schon recht gut. Fast alle Rezeptionistinnen stellen meinen Schlüssel raus, sobald sie mich durch die Tür kommen und meinen Eingangspass vorzeigen sehen. Die wissen also, wo ich wohne! Das ist cool, das werd ich ein wenig vermissen. Auch allein zu wohnen hat seine reine Positivität verloren. Ich habe ja mein Leben lang ein eigenes Zimmer besessen, aber zu Zweit wohnen kann auch nett sein. Was menschliche Beziehungen im Wohnheim betrifft, vereinfacht die Entfernung, Kontakt zu halten. Sich auf einen Tee zu treffen ist also schneller entschieden und umfasst nicht das Anziehen von ordentlicher Kleidung oder Straßenschuhen. Alles sehr einfach, so wie man das von daheim gewöhnt ist.
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