'S wird wohl Zeit meinen Blog auf den neusten Stand zu bringen. Zum Einen soll der neue Hintergrund beruhigender wirken und zum entspannten Lesen anregen; zum Anderen werde ich die großen Abenteuer der letzten Wochen ausführlich zusammenfassen.
Ostern war fast so schön wie daheim, nur die Familie hat gefehlt. Wer glaubt, ich hätte heidnische Ostern gefeiert, der liegt genau richtig. Wir haben Ostereier gefärbt und banderolisiert, ganze 9 Stück! Eigentlich hat es sich bei dieser Zahl gar nicht gelohnt, aber um Ostern Willen konnte ich nicht widerstehen. Stimmung war also vorhanden, Motivation auch, nur die Mittäter waren nicht besonders zahlreich. Linda ist sowieso ständig bei ihrem Freund, nicht das ich ihr das übel nehme, aber ich nehme es ihr zu Ostern ein wenig krumm. Katja hatte nachdem wir unsere Osternpläne vorgelegt hatten, rigoros ihre eigenen verfolgt, aber sie hätte die Möglichkeit gehabt, sich uns anzuschließen und bewusst einen anderen Weg gewählt. So haben Emily und ich Eier gefärbt, ein gackerndes Huhn aus einem Joghurtbecher gebastelt (nein, ich habe gar nichts von meiner Mutter geerbt!) und sind Osteressen-einkaufen gegangen. Mittag war leider nicht drin, aber Sonntagabend hatten alle ein paar Minuten Zeit, unser Gekochtes zu genießen. Ich gebe zu, ein wenig sauer auf die niedrige Osterbeteiligung gewesen zu sein, aber es war trotzdem schön.
Wichtiger als das Essen war jedoch die Osternacht. Emily und ich hatten uns relativ spontan entschieden gegen 23:30 in eine, zwei Gehstunden entfernte, orthodoxe Kirche zu gehen und uns von Weihrauch und Popegesängen eindämmern zu lassen. Im internet hatten wir noch gelesen, mal soll sich weiß und rot anziehen und sehr festlich gehen. Also haben wir unsere besten Sachen angezogen und sind im schützenden Dinkel der Nacht aufgebrochen. Als wir ankamen, war natürlich alles schon in vollem Gange. Also insofern man überhaupt ein Element dieses Gottensdienstes als in vollem Gang bezeichnen kann. Es war auf jeden Fall interessant, aber leider auch wahnsinnig langweilig. Also: Als wir eintraten, sangen die Priester gerade abwechselnd mit dem Chor undefinierbare Zeilen. Der ganze Gottesdienst war auf altrussisch, was heißt ich hatte nicht einmal eine faire Chance etwas zu verstehen. Kurz vor Zwölf wurde eine Gasse im Kirchenraum gebildet und der Altarraum hinter der Ikonostase geöffnet. Man sah die Priester Vorbereitungen machen. Es gab übrigens einen älteren Hauptpriester und vier Nebenpriester. Die Helfer habe ich nicht gezählt, aber es gab sicherlich mehr als sechs. Alle waren in wunderschöne Roben gehüllt, zu Beginn einfaches Schwarz. Bei ihren Vorbereitungen für den Tageswechsel zogen sie sich aber alle weiße, mir silbernem Faden kunstvoll bestickte Roben über, wobei die Helfer "einfacher" gekleidet waren als die Priester selbst und jeder bekam ein Kreuz, ein Banner oder eine Ikone in die Hand und sie zogen aus der Kirche hinaus. Dabei sangen sie ein Lied von den Qualen und der Auferstehung Jesu. Wir, als Gemeinde, zogen hinterher und freuten uns schon auf ein wenig Frischluft und Bewegung der Beine, aber als ungefähr ein Drittel der Leute ausgezogen war, wurden einfach die Türen der Kirche geschlossen. Der einzigen Ausgang. Wir hatten eine Woche zuvor den Film "Der Patriot" geschaut, in dem ein ganzes Dorf in einer Kirche eingeschlossen und verbrannt wurde, als waren wir ein wenig verwundert und unschlüssig.
Nach ein paar Minuten hörten wie die Gesänge zurückkommen und jemand klopfte lautstark an die Tür, um eingelassen zu werden. Es war der Oberste. Er war auch der erste, der Христос Воскресe (Christos Woskrese - Der Herr ist auferstanden) rief, worauf die Gemeinde lautstark und aus vollem Herzen antwortete: Воистину Воскрес (Woistinu Woskres - Er ist wahrhaftig auferstanden). Das wiederholte sich dann noch viele Male. Während der Festzug die Kirche wieder hinabzog, zündeten alle Orthodoxen ihre Kerzen an und, zu meiner Überraschung, wurden die Leuchtschilder über der Ikonostase angeschaltet. Ich hatte eingentlich geglaubt, es wären einfache Schilder, rote Schrift auf goldenem Metall, aber zu Mitternacht wurde der Schalter umgelegt und die Auferstehung Christi mit einem rot leuchtenden Schriftzug beworben (Христос Воскресе - Воистину Воскресе). Ein amüsamtes Detail zwischen den vielen Gesängen, die ich nicht kannte. Es war 12:00.
Danach gings aber erst richtig los, mit der Langeweile, denn ich kann sagen, dass dies der aktivste Teil des Gottesdienstes gewesen war. Und das ewige Stehen begann. Während der nächsten 3 Stunden zog sich der Oberste 8 Mal um und legte alle seine festlichsten Gewänder an. Das war schon eine Schau, aber leider lag zwischen jeder Bahn Stoff 20 Minuten Gesang, Räuchern, Segnen und viel Chor. Die Leute schienen wie verzaubert und bewegten sich kaum. Erst nach 2 Stunden gingen die ersten und manche begannen von einem auf den anderen Fuß zu treten. Wir hatten in diesem Stadium schon mehrmals um starke Muskeln und feste Füße gebetet und konnten kaum noch dem Drang widerstehen uns einfach hinzusetzen, wo wir standen. Außerdem setzte die Müdigkeit ein. Es war 2:00.
Eine weitere Stunde später wurden alle heiligen Schriften der Kirche eine Runde um die Ikonostase getragen und besungen. Es waren wirklich schön eingebundene Bücher mit goldenen Metallrücken und großartiger Schmiedearbeit, aber man hätte das alles viel kürzer gestalten können! Die Priester hatten sich übrigens ein letztes Mal umgezogen und trugen jetzt alle wirklich schöne rote Roben und der Oberste hatte eine passende Krone bekommen (die erste war weiß-gold, die zweite rot-gold). Um die Bibelgeschichte interessanter zu gestalten, nahm der Oberste ab und zu seine Krone ab und küsste die heilige Schrift und den Altar hinter der Ikonostase. Dann wurde ihm das Ding wieder auf den Kopf gedrückt, nur um für die nächste Bibel wieder abgenommen zu werden (Es gab 3 Bibeln). Der Priester, der für das Abstellen der Krone verantwortlich war, musste übrigens immer den Handrücken des Obersten küssen, wenn er die ach so kaiserliche Kopfbedeckung berührte. Überhaupt gab es in diesem Teil sehr viel Geküsse. Alle Priester küssten einander gegenseitig auf die Hände und natürlich jeder dem Obersten und die Gläubigen fingen an, die Ikonen in der Kirche abzuschlecken. Ich hatte Emily schon 2 Mal gefragt, ob sie bis zum Ende bleiben wollte und sie hatte immer mit ja geantwortet. Das bereitete mir ein wenig Sorge, weil ich nicht mehr stehen konnte und gern gelegen hätte, auch um zu schlafen. Es war schon 2:45.
Dann kam ein Teil, den ich verstand. Glaubensbekenntnis, Vater unser und die ersten Vorbereitungen für das Abendmahl. Das Ende konnte also nicht mehr so weit weg sein und ich könnte bald nach Hause. Eine andere Sorge war in diesem Moment, ob ich nach Hause laufen, oder gehen müsste. Denn wer weiß, wie viele Autos in der Osternach unterwegs sind und Taxidienste anbieten. Aber erst mal das Ende des Gottesdienstes abwarten. Wer weiß, vielleicht würde die Metro schon wieder öffnen, wenn wir fertig sind (öffnet halb sechs). ich hielt das zu diesem Zeitpunkt für sehr warhrscheinlich, denn wenn die Roben und die Bibeln schon 3 Stunden gedauert haben, wie lang würde dann erst der wichtige Teil des Gottesdienstes werden!?
Just in diesem Moment fragte mich Emily, ob ich denn auch nach vorn gehn und die Ikone küssen würde und da ging mir das Osterlicht auf. Sie selbst ist ja nicht religiös und sie dachte, das wäre für mich wichtig und ich wöllte gern bleiben. Sie wollte höflich sein! Kommunikation ist wirklich alles, in der heutigen Zeit. Ich war schon seit 2 Stunden bereit zu gehen und bin nur geblieben, weil sie immer zu bis zum Ende bleiben wollte und sie dachte ich will die Ikone küssen! Wir hätten das vorher wirklich absprechen sollen. Sobald wir unsere übereinstimmende Ermüdung erkannt hatten, waren wir auch schon vor der Tür und auf der Suche nach einem Taxi. Der Clou der Nacht: wir hatten einen taub-stummen Taxifahrer, mit dem ich per Zettel Geschäft gemacht habe. Das war mir auch neu, dass die fahren können, aber sie können ja wenigstens sehen und ich nehme an, sie sind aufmerksamer, als die Idioten, die mit lauter Musik und Glimmstengel die Stadt unsicher machen. Wir waren froh in unseren Betten anzukommen und hatte zum Glück keine 5 Uhr Ostermesse, aber sicherlich einen ebenso anstrengenden Osterstand im Vergleich zum heimischen Ostermarsch.
Kloßteig und marinierte Hühnerbeine hatten wir schon am Abend zuvor fertiggestellt und mussten fürs Abendessen nur noch die Möhren glasieren und Klöße formen. Ich hatte 6 Kilo Kartoffeln geschält für 6 Personen. Abzüglich der Schalen und des Wassers bleiben ja sowieso nur 4 Kilo übrig, ich befand meine Kalkulation also als berechtigt. Es gab für jeden ja auch nur ein Hühnerbein. Die lagen in einer scharfen Honig/Wein/Tomaten/Senf/Pfeffer/Sojasaucen/und viele andere Sachen - Marinade und schmeckten großartig. Wir haben sie gekocht und sie zergingen auf der Zunge. Die Möhren waren wirklich süß, passten aber perfekt zum Huhn; die Klöße waren die einzgen echten Sorgenkinder. Die ersten zerkochten völlig, worauf ich Omas Stärke in großen Mengen hinzufügte. Danke dafür! Als ich dann auch die richtige Temperatur gefunden hatte, gabs köstliche Klöße, von denen nur ein Minimum an Teig im Wasser verblieb. Die Wassertemperatur ist das wirkliche Geheimnis beim Klöße kochen! Wenn die nicht stimmt, ist alles vergäblich (nein, das ist kein Rechtschreibfehler, das ist ein erzgebirgisches Verb, zu übersetzten als 'klein und schrumpelig', in diesem Fall aber eher im Wasser völlig aufgelöst, in anderen Fällen auch schwach, hilflos oder ohne Erfolg (die erzgebirgische Sprache ist grenzenlos)). Essen war lecker, Nachtisch war mohnig und dann habe ich schnell noch die Osterkörbchen in der Küche versteckt. Man glaubt gar nicht, wie viele Verstecke es in einem so kleinen Raum geben kann, aber die Leute haben bestimmt 5 Minuten gesucht. Ich habe also meines Vaters Talent geerbt.
Ostermontag gibt es in Russland nicht und selbts an Ostern haben alle Lebensmittelgeschäfte geöffnet. So ein richtiger Feiertag ist es also nicht. Aber lange und mehr oder weniger sinnlose Gottesdienste gibts im ganzen Land. Obwohl ich ja schon froh bin, das wir es so lang ausgehalten haben. Ich hätte sonst "viel" verpasst. An Handlungen gab es ja nicht so viel, der Gesang überwiegt und die Zeremonie. Ohne das wäre es um mehrere Stunden kürzer, interessanter und besser auszuhalten. Ich kann immer noch nicht glauben, dass die ganzen alten Leute so gut gestanden haben. Sie sind eben einiges gewöhnt. Mein Fazit: Ein mal reicht völlig aus, aber ich empfehle jedem, die Möglichkeit zu nutzen. Schon allein um die Bekreuzigungen zu zählen. Ich hab irgendwann bei 200 den Faden und die Lust verloren, aber wenn mir jemand einen Mittelwert nennen kann, wäre ich sehr interessiert.
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